alle Jahre wieder

Samstag, 19.11.2016. Noch etwa zwei Stunden, dann ist Totensonntag. Sitze zusammen mit meiner Frau im Auto. A3. Frankfurt – Köln. In Anbetracht der vorgerückten Stunde ist nicht mehr viel los auf der Piste. Hit Radio FFH dudelte eine ganze Stunde einstige Chartbreaker rauf und runter, die WDR 2 Playlist vermag meinen Musikgeschmack leider ebenso wenig zu treffen.

Zwischen zwei Titeln will es der Moderator wissen.

„Wie bereitet ihr euch auf Weihnachten vor? Ruft uns an …“

Gut, dass ich hinter dem Steuer sitze, weder über eine Freisprecheinrichtung verfüge noch gewillt bin, in diesem Fall gegen die Straßenverkehrsordnung zu verstoßen. Ganz spontan fällt mir am nächsten Morgen ein: ich verdopple die Dosis meiner Antidepressiva. Das blöde ist nur, nix mal zwei wird nicht viel mehr.

Weihnachten. Ich weiß nicht mehr so genau, seit wie vielen Jahren ich darunter leide, vielleicht hat es mich auch schleichend befallen, aber irgendwann war es da. Ich mag’s nicht mehr. Bin übersättigt. Jedes Jahr immer früher, größer, höher, weiter. Der ganz normale Wahnsinn halt. Hat das Fest der Liebe das verdient? Für mich ist es verkommen. Fest der Liebe? Ja, der bezahlten Liebe. Werden die Geschenke nicht größer, teurer, ausgefallener, dann kannst du gleich einpacken. Gigantismus in Reinkultur. Es lebe der ungezügelte Kaufrausch. Dazu reicht nicht mehr ein Weihnachtsmarkt, nein, zahlreiche müssen es sein. Am besten ein jeder unter einem anderen Motto. Weihnachtsbaum? Klar, darf nicht fehlen. Muss nur den des Vorjahres übertreffen. Noch gerader, noch grüner, noch höher. In meinem Geburtsort rühmt man sich damit, das höchste Exemplar der Welt bestaunen zu können. Ohne Superlativ geht es ja nicht. 45 Meter soll er hoch sein. Vier Wochen benötigt er, aufgebaut und geschmückt zu werden. Dass es nicht mehr ein Baum ist sondern ganze 1.700? Ist dann halt so. 1.700 Bäume! Wie viele mögen das sein, wenn sie so ungeschlagen nebeneinander stehen? Wahrscheinlich ein kleiner Wald. Aber irgendwas muss man ihnen ja bieten, den Sauerländern, Münsterländern, Holländern und von wo sie noch alle her strömen, nach Dortmund. Das es in dem Gewimmel um das Prunkstück herum alles andere als beschaulich zugeht? Klar, ist ja Weihnachten. Besinnlichkeit? Wo kommen wir dahin? Immerhin ist es kurz vor Jahresende. Da ist keine Zeit mehr für Stille, Ruhe, klare Gedanken. Besinnungslosigkeit ist angesagt. In jeglicher Beziehung. Geld, das am besten noch nicht mal da ist, muss sackweise verbrannt werden. Sonst lohnt sich doch der ganze Zinnober gar nicht. Bis man sich Heiligabend sagt, nächstes Jahr, ja – nächstes Jahr, da müsste man mal etwas kürzer treten. Reduzieren, es bedächtiger angehen. Bis dahin ist es aber ein ganzes Jahr hin. Genug Zeit, es sich wieder anders zu überlegen. Und wenn einen dann Ende Oktober im Supermarkt wieder die schokoladenen Nikoläuse anstarren, am besten sonnenbebrillt, schließlich ist der Sommer gerade erst gelaufen, man bereits der ersten Spekulatius Kekse und Dominosteine überdrüssig geworden ist, die schon mindestens vier Wochen länger die Regale füllen, dann sind die guten Vorsätze des Vorjahres längst in Vergessenheit geraten.

Jetzt muss ich aber Schluss machen. Es dürfte gleich schellen. Ist wohl auch besser so, bevor ich mich noch weiter echauffiere. Wahrscheinlich stehen sie dann vor der Tür, die netten Herren, mit den komischen Jacken, deren Ärmel sich so praktisch auf dem Rücken fest schnüren lassen. Werde dann vielleicht zugedröhnt mit Tranquilizern, darf einige Tage in der Gummizelle verbringen und habe dann tatsächlich nächstes Jahr etwas, was verdoppelt mehr ergibt.

In diesem Sinne, eine schöne Vorweihnachtszeit. Jedem so, wie es beliebt …

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Autor: Pruedi

Baujahr 1963, männlich, verheiratet, Informatiker

4 Kommentare zu „alle Jahre wieder“

  1. *Das blöde ist nur, nix mal zwei wird nicht viel mehr.* Aber, aber. Wie wäre es mit einer homöopathischen Sichtweise? Zweimal nix ist doppelt so gut! Du musst da fast aufpassen, dass Du keine Überdosis nicht-nimmst.
    Magst Du Glühwein? Ich finde der hilft abgewechselt mit Eierpunsch auch ganz gut.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für die aufbauenden Worte, aber zu einen will ich mir Weihnachten nicht schön trinken, zum anderen zähle ich mich zu einem Vertreter der Gattung „Alkohol ist keine Lösung“. Ist zwar vom chemischen Standpunkt aus betrachtet wahrscheinlich falsch, ändert aber nichts an meiner Sichtweise und soll auch nicht heißen, dass nicht dennoch mal ein Tröpfchen über die Lippen fließt.
      Zum Wohl! 😉

      Gefällt 1 Person

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