Inszeniertes Leben

Neulich, auf Formentera. In der Pelayo Bar. Sitze des Sonntags mit Frau, Sohn und zwei jüngeren Damen auf einer der Holzbänke, die nicht im Schatten stehen. Dort, wo das Meer nur einen schlappen Steinwurf weit entfernt ist. Blauer Himmel, leichtes Lüftchen. An sich viel zu heiß für einen Platz in der Sonne. Die Paella? Noch köchelnd. Also: transpirieren und quatschen.

Irgendwie entwickelt sich das Gespräch, was als nächstes ansteht. Für die beiden Mädels steht fest – eine Fahrt mit dem Schlauchboot ist traditionell noch zu bewerkstelligen. Immer diese Zwänge. Aber ist ja egal, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied und ein Termin bereits gemacht, die Route steht ohnehin fest. So wie immer. Von der Lagune aus zunächst gen Westen, zur Cala Sahona, ein wenig schwimmen und sonnen, anschließend zurück, am Ausgangspunkt vorbei, rüber nach Espalmador, dort das Ganze noch einmal, vielleicht auch trotz Verbot eine Runde im Schlamm suhlen und auf dem Rückweg am Tiburon haltmachen. Sohnemann ist ganz begeistert. Will auch mit. So weit, so gut. Soll er machen, darf sich dafür auch an den knapp 200 Euro Leihgebühr beteiligen. Auch kein Problem. Ist ja mittlerweile sein selbst verdientes Geld. Und er soll nicht vergessen, sich ein ordentliches T-Shirt einzustecken, ansonsten wird das möglicherweise nichts mit einem Besuch der Haifischbar, am anderen Ende der Insel. Ist ja schließlich nicht so eine Gammelbude wie Pelayo. Da achtet man schon drauf, wer dort sein Geld lassen darf. Was für mich bereits ein Grund wäre, dort nicht vorstellig zu werden, bereitet dem Nachwuchs kein Kopfzerbrechen. Immerhin besteht die Aussicht, an der Seite der Geissens seinen Becher leeren zu dürfen.

Aha, die Geissens.

Welch Bildungslücke. Muss man die jetzt kennen? Ich meine, unsere Tischnachbarn wissen ja auch nicht, das Pruedi and the family nebenan sitzen. Aber es ist ja auch nicht von Pruedi con familia die Rede, sondern von den Geissens.

Kenne sie trotzdem nicht und ein Groschen denkt ebenso wenig auch nur ansatzweise daran, zu fallen. Da reist man schon seit etlichen Jahren nach Formentera und kennt die Geissens nicht. Verdammt. Ertappt. Geht ja eigentlich gar nicht. Kann ich mal wieder nicht mitreden. Wobei – nach dem, was ich zu hören bekomme, habe ich auch gar nicht das Gefühl, dass mir da was entgeht. Trotzdem, diese Unkenntnis, sie wurmt. Schließlich ist es nicht so, dass ich nur behaupte, diese Geissens nicht zu kennen, ich kenne sie tatsächlich nicht. Entsprechend beschließe ich bei nächster oder übernächster Gelegenheit, diesen Missstand zu beseitigen. Nicht, dass da nachher jemand etwas wie Besenkammer äußert, alles lacht, nur mir erschließt sich der Gag nicht, bloß weil mir eine Assoziation fehlt.

Google lässt mich einmal mehr nicht länger dumm sterben. Einer der ersten Treffer der Suchanfrage liefert den Link auf die eigene Webseite. Also nicht auf meine, sondern auf die der Gesuchten.

Die Geissens, eine schrecklich glamouröse Familie.

Gut, schauderhafte Geschichten aus der Glitzerwelt – darauf kann ich verzichten. Die Übersicht der weiteren Treffer in der Ergebnisliste offenbart weitere Details: RTL2 Realityshow, Selfmademillionär, rheinische Frohnatur – zumindest vor der Kamera. Daneben ein paar Schlammschlachten, die am besten quotenwirksam vermarktet werden. Ist das nicht herrlich? Inszeniertes Leben also, sowie die dazugehörige Imagepflege, um den Rubel am Rollen zu halten. Muss man ja schließlich wissen, was bei Millionärs so abgeht. Fällt bei mir in die gleiche Schublade wie Dschungelcamp oder sich im Wohncontainer zum Affen zu machen oder was es da noch alles gibt, womit man Quoten und Werbeeinnahmen generieren kann. Peinlich, ekelig, abartig, ungerecht – das ist es, was zieht, was Gesprächsstoff liefert. Muss man sich nicht in Geschichten über Gebrechen überbieten, sich mit Gedanken über die eigene Existenz belasten oder gar mit aktuellen Geschehnissen des wirklichen Lebens auseinandersetzen.

Zufrieden mit meiner Recherche lehne ich mich zurück. Weiß jetzt zumindest, von wem die Rede war und dass ich mir keinen Kopf darüber zerbrechen muss, auch weiterhin nicht mit qualifizierten Kommentaren glänzen zu können. Was geht es mich an, ob Schwerreiche zwölflagiges, von Hand verziertes Klopapier verwenden, der Angestellte an der VIP Kasse im Aldi sich den Namen seiner Prominenz nicht merken kann oder die Boulevardpresse es versäumt darüber zu berichten, dass man beim Opernball in den Klamotten aufläuft, in denen man im Jahr zuvor die Veranstaltung verließ. Skandalös, skandalös. Wo kämen wir nur hin, wenn jeder so eine Einstellung hätte wie ich?

Möglicherweise säßen dann Menschen wie diese Geissens neben mir, in der Sonne, beim Pelayo, würden geduldig neben mir vor sich hin schwitzen, wortkarg beim Warten auf ihre Paella den Blick über das Meer genießen und es wäre mir nicht minder gleichgültig.

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Autor: Pruedi

Baujahr 1963, männlich, verheiratet, Informatiker

3 Kommentare zu „Inszeniertes Leben“

    1. Danke für deine Einschätzung, wenngleich ich denke, dass die Protagonisten weniger verblödet sind als deren Zuschauer. Auch wenn ich nicht so richtig mitreden kann – ich bilde mir ein, die einen befriedigen ein Bedürfnis, das die anderen haben. Da muss man schon mal von seinem hohen Ross absteigen – und inszenieren. Unbestritten allerdings, dass man Popularität wahrscheinlich sinnhafter nutzen könnte.

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      1. Ich sass mit meinem Kumpel Robert mal in Miami im Restaurant und am Tisch neben uns haben sich die Geissens (+ Filmcrew) gesetzt. Aufgrund der Namenverwandtschaft zwischen Robert und Roooobert kamen wir schnell ins Gespräch. Die sind mir zwar nicht viel sympathischer geworden, aber so schlimm wie ihre Zuschauer sind sie doch nicht und es war offensichtlich, dass ihre Inszenierung von ihrer Identität abweicht. Ob die Verblödung von den Programm Machern ausgeht oder vom TV Konsumenten eingefordert wird, ist eine Henne/Ei Frage, die traurigerweise nicht beantwortet werden muss, weil das Resultat gleichermaßen schlimm ist.

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